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Ongushar
Feurig
rot stieg die Morgensonne über das Gebirge im Osten auf, und
ließ eine weitere lange Nacht von stickiger, brütender
Dunkelheit enden. Der milchige Nebel über Carn Dûm
löste sich mit einem Mal auf. Die wie von einem weißen
Leichentuch bedeckte, schneeverwehte Ebene war in Blut getaucht.
Schattenkalte
Träume endeten, legten sich in den Tiefen zur Ruhe.
Glosende, von lebendigem Fleisch, begannen. Carn Dûm
erwachte. Sein Herz schlug wieder.
Ein
lauter, dröhnender Klang hallte durch Jahrhunderte alte
Gänge. Einstmals von Zwergen gegraben, dann mit ihrem Blut
gefärbt. Dröhnende Bronze, die fordernd rief und
Antwort fand, in breiten Straßen und schmalen Gassen, auf
starken Mauern und hohen Türmen. Bronzegongs. Ihr Hall drang
nach Außen, in die kalte Luft, und nach innen, in die
Tiefen des Berges. Überall wurden sie geschlagen, Metall,
das dröhnte und weckte, Erwachen verkündete und
Gehorsam forderte.
Was
schlief, musste erwachen. Was Traum war enden oder Wirklichkeit
werden. Ishar schlug die Augen auf. Langsam erhob er sich vom
Lager.
"Möge
euch der Tag gehören, Herr!" Jarnan, sein junger
Novize, bot ihm eine Schale mit kaltem Wasser dar. Er war eine
kurze Zeit vor dem Dröhnen erwacht, wie er es gelernt hatte,
seit er als Novize in Bol-Doraz lebte. Ishar lächelte ihn
kurz an. "Und möge dir die Nacht singen, Jarnan!"
Verwirrung kroch kurz über Jarnans Stirn. Das war nicht die
übliche Antwort. Er betrachtete die zerwühlte
Lagerstatt aus schwarzer Seide. "Ihr habt geträumt,
Herr?" "Vielleicht." Ishar blickte einen Moment
ins Leere, der Neugier seines Dieners nicht achtend. Trotz der
langen harten Zeit in der Kampfschule war Jarnan immer noch von
der selben Natur wie ein Hundewelpe. Doch manchmal fand eben auch
ein sehniger Wolf gefallen an tapsigen Pfoten, die das Laufen
erst noch lernen mussten. "Ich bin wohl seit all den Jahren
an härtere Betten als dieses hier gewöhnt." Jarnan
wusste, dass sein Herr noch am selben Tag nach seiner Rückkehr
vom Feldzug in die höchsten Ränge Carn Dûms
aufgenommen worden war und daraufhin diese Gemächer im
Tiefenpalast unterhalb von Bol-Doraz bezogen hatte. Dies war auch
der Tag gewesen an dem er ihn zu seinem Besitz erhoben hatte,
obwohl er den Grund dafür bis heute nicht verstand.
Ishar
spülte das kalte Wasser aus der Schale in sein Gesicht und
trat vor einen großen Wandbehang, der hauptsächlich
aus Weiß, Braun und Blau gewirkt war und Jagdszenen in der
Tundra zeigte. Auf einmal sehnte er sich nach einem Fenster,
einem Atemzug kalter Winterluft und weitem blauen Himmel. Doch
endlose Weiten aus undurchdringlichem Fels lagen zwischen seiner
neuen Heimstatt und der Weite der Nordlande.
Plötzlich
wurde ihm siedend heiß. "Hilf mir mich anzukleiden
Jarnan!"
Jarnan
eilte herbei. Er öffnete seinen Mund vor Überraschung
als Ishar zuerst nach der Lederrüstung verlangte. "Hier
in den Palästen sind Dolche die Gegner vor denen wir uns
vorsehen müssen, nicht Schwerter. Merk dir das!" Jarnan
legte ihm sein Gewand an. Rot und golden, weit und edel, aber
schlicht geschnitten.
Ein
lautes Pochen ertönte an der Tür. "Öffne,
Jarnan!" Ishar wusste, wer es war, noch bevor Rhaoul in
seiner dunkelroten Kutte auch nur eingetreten war. Sein neuer
Berater sagte kein Wort. Seine Schweigsamkeit, mit der er einmal
mehr alles, was der junge, hoch gewachsene Feldherr über
Magier gehört hatte, bestätigte, schien den Raum mehr
zu erfüllen als es nur irgendein Laut vermocht hätte.
Der Magier blickte ihn mit seinem Kapuzen verhüllten Gesicht
einfach nur an. Er sprach nicht. Es war auch nicht nötig.
Ishar wusste mit einem Mal warum er gekommen war. Der
Kriegspriester nickte langsam. Ishar hatte ihn nur einmal von
Angesicht zu Angesicht sehen können. Alle Mitglieder der
Priesterschaft, die einen hohen Rang bekleideten, waren
kahlrasiert und Rhaoul stellte hierin keine Ausnahme dar. Doch im
Gegensatz zu den anderen war er absolut kahl! Keine Augenbrauen,
kein Bart, ja nicht einmal Wimpern waren in seinem Gesicht zu
entdecken gewesen. Sein langer schmaler Kopf war über und
unter mit winzigen Schuppen tätowiert, die den Vertrauten
des Hexenkönigs, dessen Alter unmöglich einzuschätzen
gewesen war, wie ein menschliches Reptil wirken ließen.
Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch ein Paar
schmaler, schlitzartiger, gelber Augen mit einem mal
durchdringenden, mal kalt fixierenden Blick.
Eine
leise, zischende Stimme ertönte: "Ihr lernt schnell
Ra-Gashvir. Das ist gut!" "Würde ich es nicht tun
wäre ich schon vor langer Zeit gestorben", entgegnete
Ishar kalt. Dieser Mann hatte etwas an sich, das ihm in seinem
Innersten zuwider lief. Und um es noch schlimmer zu machen fiel
es ihm schwer das zu verbergen. Vor jedem anderen wäre ihm
das gelungen, nie und nimmer aber vermochte selbst er einen der
Hohepriester zu täuschen. Doch Rhaoul war der ihm vom König
von Angmar selbst zur Seite gestellte Berater, und das war
stärker als alle schwächlichen persönlichen
Neigungen.
Rhaoul
stieß etwas hervor, das Ishar bei jedem anderen als ein
Lachen gedeutet hätte.
"Lasst
uns gehen! Ihr seid von unserem Herrn selbst zum Kriegsrat
geladen!"
Ishar
hatte es gespürt, so wie er es nun immer spürte wenn
die Gedanken seines Herrn und Gebieters auf ihm ruhten. Sein Puls
begann schneller zu werden und blinde Ergebenheit ihn zu
erfüllen. "So lasst uns gehen!"
Als
sie die Marmorhallen des Tiefenpalastes der Feldherren Carn Dûms
verließen, warteten zwei von muskelbepackten Sklaven
getragene Sänften auf sie. Noch etwas was sich für
Ishar verändert hatte. Früher hätte er es
vorgezogen zu gehen, doch nun verlangte es die Ehre seines Ranges
von ihm sich tragen zu lassen. Einen Moment lang fragte er sich,
aus welchem Land die Männer, die die Sänfte trugen,
stammen mochten. Ihre hellen Haare deuteten auf Forodrim hin,
Nordländer, die in den fernen Anduintälern lebten, oder
aber in einem der kleinen Dörfer im Norden Arthedains. Kalt
lächelnd erinnerte er sich, dass er selbst es möglicherweise
gewesen war, der sie als Sklaven nach Angmar gebracht hatte.
Sagen konnten sie es ihm nicht mehr, fast allen Palastsklaven
wurden die Zungen herausgeschnitten damit sie keine Geheimnisse
weitererzählen konnten. Nun waren sie es, die ihren
Bezwinger zu seinem Herrn brachten. Das war die Gerechtigkeit
Angmars.
Ishar
lehnte sich zurück und bereitete sich auf die Begegnung mit
seinem Herrn und Gebieter vor, während sie endlos lange
Gänge und Gewölbe durchquerten und dabei Dienern,
Novizen und den Leibwachen begegneten die ihnen allen ihren Gruß
entboten.
Schließlich
kamen die Sänften zum Halten und sie stiegen eine hohe
Treppe mit glatten Stufen hinauf. Vor dem Tor, zu dem sie
hinaufführten, stand ein einzelner Mann in einer roten
Kutte. Angulion stützte sich an eine Säule. Ishar sah
Rhaoul einen Augenblick lang fragend an. Rhaoul aber blickte nur
geradeaus.
Gemeinsam
erklommen sie die Stufen.
Fünf
Tage später ertönten Hörner von den Wachtürmen
Carn Dûms. Orks näherten sich der Stadt. Orks, die
nicht das Banner Angmars trugen... Späher, von schnellen
Pferden über die Eisebene nach Carn Dûm getragen,
hatten von ihrem Kommen berichtet. Sie waren erstmals in den
Ettenöden gesichtet worden, eine zahlreiche, starke Horde
die nur nachts marschierte und sich tagsüber versteckt
hielt. Zuerst schien es als wären sie nur einer der vielen
unbekannten kleinen Stämme aus dem Gebirge, auf Streifzug um
Beute zu machen. Doch diese Orkhorde marschierte zielstrebig an
allen Festungen und Siedlungen auf den Berghängen vorbei und
wagte sich auf die Ebene hinaus! Mehrmals wäre es fast zum
Zusammenstoß mit angmarischen Streitkräften gekommen,
die aus den Stützpunkten hervorstießen um die
Eindringlinge abzufangen, welche die Kühnheit besessen
hatten so weit in das Reich des Hexenkönigs vorzudringen.
Doch immer wieder blieb der Angriffsbefehl aus. Mehr noch: Die
Anführer erhielten die ausdrückliche Anweisung die
vermeintlichen Invasoren passieren zu lassen! Den
zähneknirschenden Kriegern blieb nichts anderes übrig,
als zuzusehen wie die Gegner manchmal in Bogenschussweite
geradewegs zur Haupstadt von Angmar marschierten...
Vor
den Toren Carn Dûms kamen die Orks zum Stehen. Auf den
Mauern wurden stählerne Langbögen gespannt, von den
Orkkriegern, die in der Nacht die Wache innehatten und besser
ausgerüstet waren als alle anderen ihrer Rasse. Doch hielten
sie sich zurück - auch sie hatten Befehle erhalten...
Eine
kurze Zeit lang blieb die Szene unverändert, die Orks vor
der Stadt verharrten regungslos in einer lang gezogenen Reihe,
schwarze Gestalten die sich im Licht des fast vollen Mondes
deutlich von der schneebedeckten Ebene abhoben. Nicht dass
Dunkelheit für die Bogenschützen auf den Mauern ein
Problem dargestellt hätte....
Dann
wurde die Zugbrücke heruntergelassen und das Tor geöffnet.
Eine einzelne Schattengestalt aus der Reihe der Orkkrieger trat
vor. Auf die kurze Entfernung war deutlich zu erkennen dass er
für seine Rasse sehr groß sein musste.
Er
hob einen Speer und brüllte etwas in die Nacht hinaus. Die
übrigen Orks taten es ihm nach und schlugen die Waffen laut
an ihre Schilde.
Auf
den Mauern kam Bewegung auf. Dann senkte der große Ork die
Waffen und trat langsam durch das große Tor, seine
Artgenossen folgten ihm in einer Zweierreihe.
Ishar,
der auf der Mauer über dem Tor stand, lächelte."Willkommen
in Carn Dûm", murmelte er. Seine neuen Truppen waren
eingetroffen.
Dass
die Horde zahlreich sein würde hatte sein Herr ihm gesagt,
doch ihre tatsächliche Stärke übertraf Ishars
Hoffnungen bei weitem. Knapp 500 waren es, die aus irgendeinem
vergessenen Tal des Nebelgebirges herausgekrochen waren, und wenn
ihr Anführer mit dem schwarzen Speer die Wahrheit sprach,
hatte er noch bei ihrem Aufbruch 240 "Kragashs" in den
Norden gegen ein Zwergenvolk in den Kampf geschickt. Diese Orks
gehörten der älteren und kleineren Rasse des Nordens
an, die das Sonnenlicht fürchtete, doch ihr Anführer
und seine engsten Gefolgsleute schienen von einer uralten
Herrscherkaste abzustammen, denn sie waren viel größer
als die anderen, gingen fast aufrecht und besaßen nackte,
sehr spitze Ohren. Das schüttere, schwarze Fell, das den
Rest ihres Körpers bedeckte, hob sich nur wenig von den
Wolfsfellen ab in die sie gehüllt waren und ihre spitzen
Reißzähne machten sie ihrer erlegten Beute nur um so
ähnlicher. Sie würden gefährliche Gegner sein,
wenn sie nur erst richtig ausgerüstet waren. Ishar sprach
den unbewegt vor ihm stehenden Anführer erneut an: "Wie
ist dein Name, Häuptling?" Der Ork stieß ein
Knurren aus. Er hatte ihn zweifellos verstanden."Arzedokh",
grollte er. "Du sagst du wurdest von Khamul, dem Heerführer
von Dol Guldur, nach Carn Dûm geschickt?" Der
Orkkrieger nickte. Ishar versuchte die Lage einzuschätzen.
Diese
Orks entstammten einem Volk, von dem er noch nie gehört
hatte und waren zweifellos keine richtigen Soldaten. Doch das
traf auf viele neu rekrutierte Orkstämme im Dienste Angmars
zu. Zusammen mit seiner, nach dem Auffüllen der Verluste des
letzten Feldzuges, 270-köpfigen Gefolgschaft wären sie
eine beachtliche Streitmacht, mehr als er jemals befehligt hatte.
Doch er würde für die Aufgabe, die ihm gestellt worden
war, auch jeden einzelnen bitter nötig haben. Eine
Ansammlung von Kriegern machte noch keine Armee aus. Dazu
brauchte es einen Anführer, der die Befehlsgewalt innehatte.
Ob das hier auf ihn zutraf bezweifelte Ishar allmählich. Der
Befehl des Nazgûl, dessen Name eine dunkle Legende in
Angmar war, hatte gelautet ihm nach Carn Dûm nachzufolgen,
nicht weniger - aber auch nicht mehr. Und nun war er fort.
"Du
weißt wer dein Herr ist?" Der Ork nickte nur. "Sage
es mir!," forderte Ishar ihn auf. "Khamul, der Nazgûl
und Heerführer von Dol Guldur, welcher uns hierher sandte!
Niemand sonst!"
Ongushar
- die Eisengrube. So zahlreich und verschieden die Orkstämme
des Nebelgebirges auch waren - dies war ihnen gemeinsam. Eine
Grube, 15 Fuß tief und 40 Fuß im Durchmesser, war von
Sklaven innerhalb eines Tages vor der Stadt ausgehoben worden.
Über die Mitte der Grube war ein Holzgestell gebaut, das
eine Kette hielt, an der sich eine umher schwingende Eisenkugel
von der Größe eines Katapultgeschosses befand. Einmal
in Bewegung versetzt, vermochte sie jedem Lebewesen den Schädel
zu spalten. Der Rand der Grube wurde von spitzen Holzpflöcken
gesäumt. Niemand, der je eine Eisengrube betrat, konnte sie
gegen den Willen des Gegners wieder verlassen. Nicht so lange der
Gegner noch am Leben war.
Auf
diese Weise wurden Rangkämpfe zwischen Häuptlingen
entschieden. Es gab keine blutigen Streitereien während
eines Feldzuges. Der Bessere gewann. Der Unterlegene fügte
sich. So oder so.
Arzedokhs
Stamm stand erneut in einer langen Reihe auf der Ebene, Ishars
Kämpfer ihm gegenüber. Beide Gruppen hielten Fackeln in
den Händen. In der Mitte lag die Grube. Es waren die letzten
Stunden der Nacht.
Ishar
war sich bewusst, dass ihm ein harter Kampf bevorstand. Dieser
Orkhäuptling war zweifellos ein äußerst
gefährlicher Gegner, aufgewachsen als Jäger und
Krieger, zum Anführen und Töten geboren. Genau wie er
selbst auch. Doch wenn er den Gehorsam dieses Stammes erringen
wollte, blieb ihm nur dieser Weg. Diese Orks lebten nach einem
primitiven aber mächtigen Rudelinstinkt, und kämpften
füreinander bis zum Tod. Sie wären eher alle unter den
Schwertern der Angmarim gestorben als ihren Häuptling zu
verraten. Doch befehlen konnte in diesem Feldzug nur einer. Und
Arzedokh war zu stolz um irgendeinen Menschen als Anführer
zu dulden. Ishar aber mußte seinen Gehorsam erzwingen.
Er
und Arzedokh standen sich in der Grube in acht Metern Abstand
gegenüber. Beide nackt bis auf einen Lendenschurz. Beide mit
langen Stäben bewaffnet. Ishar hatte als Herausforderer das
Recht gehabt, die Waffen zu wählen. Er war mit dieser Art
von Kampf gut vertraut.
Er
blickte auf die Eisenkugel, die nun von seinen und Arzedokhs
Gefolgsleuten in Schwingung versetzt wurde. Sie war wirklich
ursprünglich ein Katapultgeschoss gewesen. In Kopfhöhe
fing sie nun an Kreise zu ziehen.
Ishar
dachte daran, dass der Erfolg des ganzen Feldzuges allein in
seinen Händen lag. Der Blick seines Herrn und Gebieters war
in diesem Augenblick zweifellos auf ihn gerichtet. Trotz der
winterkalten Luft überlief es ihn heiß. Kampfgeist
flammte in ihm auf.
"Shara-Sard!
Ishar!", stieg es von seinen Truppen auf. Die Orks brüllten
Anfeuerungsrufe für ihren Anführer.
Die
Kugel schwang im weitem Bogen herum. Der Kampf hatte begonnen.
Ishar
tauchte geschmeidig unter der heranrasenden Kugel hinweg und
sprang auf Arzedokh zu, sein Stabende wie eine Speerspitze nach
dessen Rippen stoßend. Der Ork reagierte sofort. Während
er seitlich auswich schwang er seinen Stab gegen Ishars Kopf und
brüllte auf. Ishar versuchte gar nicht erst den Schlag zu
parieren sondern ließ sich einfach vom eigenen Schwung
getragen darunter hinwegrollen. Er kam sofort wieder auf die
Beine und fuhr herum, während er einen weiteren Schlag
Arzedokhs abwehrte. Dieser stieß von unten nach Ishars
Kehle und versuchte dann ihn am Bauch zu treffen. Ishar konterte
mit einer schnellen Drehung des Stabes wodurch er mit der unteren
Stabhälfte Arzedokhs Angriff abwehrte und mit der oberen
gleichzeitig auf dessen Schulter zielte. Doch Arzedokh wich
erneut behände aus und tänzelte zurück. Plötzlich
duckte er sich. Die Kugel schwang direkt auf Ishar zu, der sich
nun in der Nähe der Grubenwand befand. Fast wäre es ihm
nicht mehr gelungen auszuweichen, denn er hatte sie spät
kommen sehen. Doch gerade noch rechtzeitig beugte er sich nach
hinten. Zischend sauste das Geschoss über ihn hinweg. Darauf
hatte sein Gegner nur gewartet. Sofort die kurzfristige Ablenkung
Ishars ausnutzend bewegte er sich, selber noch in geduckter
Haltung, seitlich nach vorn und züngelte mit dem Stab nach
Ishars Gesicht. Ishar verspürte einen dumpfen Schmerz an der
Stirn und ihm traten Sterne vor die Augen. Er fiel wehrlos auf
den Rücken. Der Stab sprang ihm nach einer erneuten Attacke
aus den Händen. Doch diesmal rettete die Kugel ihn. In einem
Halbkreis erneut seitlich heran schwingend trennte sie Ishar von
seinem Gegner und hinderte Arzedokh daran seinen Vorteil
auszunutzen. Während Ishar sich seitlich wegrollte griff er
nach dem Stab und sprang wieder auf die Beine. Er deckte Arzedokh
mit einer schnellen Serie von Schlägen ein die seine Arme
nach langen Jahren in der Kampfschule von Bol-Doraz trotz seiner
leichten Benommenheit automatisch abspulten.
Der
Ork war augenscheinlich überrascht und wich einige Schritte
zurück. Ishar setze ihm nach. Krachend prallten ihre Stäbe
aufeinander. Angriffe wechselten Abwehrbewegungen ab und
umgekehrt, während die Stahlkugel am Grubenrand entlang
surrte. Einen Moment lang maßen sie ihre Kraft, als sie
ihre Stabmitten direkt gegeneinander drückten und verbissen
ums Gleichgewicht rangen. Der Ork besaß die größere
Körperstärke. Doch Ishar wich seitlich aus, drehte sich
um die eigene Achse und holte Arzedokh mit einer schnellen
Fußbewegung von den Beinen.
Sein
Stab fuhr nach unten - und stieß ins Leere als Arzedokh den
Kopf wegzog. Plötzlich ließ dieser seinen Stab fallen
und ergriff mit beiden Händen Ishars. Mit eiserner Kraft
umklammerten die Klauenfinger des Orks den Holzstab und rissen
ihn hoch als Arzedokh direkt vor Ishar nach oben schoss. Ein
Faustschlag der rechten Krallenhand riss ihm die Wange auf und
trieb ihn zurück. Der Stab war nun in Arzedokhs Händen.
Ishar schrie vor Wut auf. Der Ork brüllte triumphierend. Da
sprang Ishar direkt auf ihn zu, mit dem Fuß von oben nach
unten auf den zur Abwehr quer gehaltenen Stab tretend, mit einem
Tritt in dem aller Zorn und alle Wut des Kriegers steckte. Das
Holz splitterte. Der Stab war durch den gewaltigen Tritt in der
Mitte zerbrochen, während Arzedokh noch die beiden
Teilstücke in den Händen hielt. Ein weiterer Tritt in
den Bauch ließ Arzedokh zurücktaumeln.
Ishar
ergriff den am Boden liegenden Stab, den Arzedokh hatte fallen
lassen. Die Gegner umkreisten sich. Arzedokh hielt nun zwei kurze
Stäbe in den Händen, machte jedoch keinerlei Anstalten
aufzugeben. Er stürmte, an der wieder vorbei schwingenden
Kugel vorbei springend, auf Ishar zu, gleichzeitig mit jeder
seiner Waffen zuschlagend, abwechselnd auf Kopf, Beine und
Oberkörper zielend, während Ishar zurückweichend
versuchte, die heftigen Angriffe seines Gegners zu parieren und
gleichzeitig die Kugel im Auge zu behalten. Er beschloss, seinen
Gegner kommen zu lassen. Während der Ork weiter vordrang,
sprang Ishar plötzlich einen großen Satz zurück
und als Arzedokh ihm schnell nachsetzen wollte, lief er direkt in
einen umher wirbelnden Kreisel des Stabes hinein der ihm den Kopf
in den Nacken fliegen ließ, ihm einen Stock aus der Hand
prellte und Ishar die Zeit zum Ausholen verschaffte. Ein harter
Schlag war es und er traf Arzedokh direkt an der Stirn. Der Ork
sank lautlos zu Boden.
Das
Pendel kam zum Stillstand.
Er
war geschlagen, doch nicht tot. Sein Leben lag nun in der Hand
des Siegers. Ishar hörte das Jubelgeschrei seiner Männer,
das sich von den vordersten nach hinten fortpflanzte. Die Orks
aus Arzedokhs Stamm heulten vor Wut auf und drängten nach
vorn. Nun galt es schnell zu handeln, denn Ishar war sich nicht
sicher, wie weit dieser Stamm, der in völliger
Abgeschiedenheit gelebt hatte, sich an eine Abmachung Menschen
gegenüber gebunden fühlen würde.
Ishar
trat auf den besiegten, am Boden liegenden Häuptling zu und
drückte ihm den Kopf in den Nacken. "Ich bin der
Sieger!", hallte seine Stimme in die Nacht hinaus. "Ich
habe in diesem Kampf in der Eisengrube das Schwert meiner
Anführerschaft geschmiedet. Der Rang des Kriegshäuptlings
gebührt mir! Doch euer Häuptling hat tapfer gekämpft,
und sich seiner Ahnen als würdig erwiesen! Er soll von nun
an der zweite nach mir sein, welcher die Krieger befehligt! Denn
wir alle, meine und auch IHR, seine Männer, wir alle werden
in den Norden ziehen, zu großen Schlachten und großem
Ruhm! Die Tage, in denen sich eure Tapferkeit mit spärlichen
Umherstreunen und magerer Jagdbeute begnügen musste, sind
vorbei! Von nun an habt ihr einen Gebieter von großer
Macht, der euch eure Dienste mit stählernen Waffen, mit Gold
und Viehherden belohnen wird, und mit reicheren Jagdgründen
als es die euren jemals waren! Von nun an steht ihr im Dienste
des Königs von Angmar, des Herren der Nordlande, und des
Gebieters aller Wesen."
Plötzlich
begannen die Fensterhöhlen der hohen Türme Carn Dûms
in rotem Feuer zu erstrahlen, einer gewaltigen Krone aus Rubin
gleich, die sich über den Berg erhob und ihn in
geisterhaftes Licht tauchte, lange Schatten über die Ebene
werfend. Ishar sah den Widerschein des Feuers in den weit
aufgerissenen Augen der Orks, die sich in abergläubischem
Schrecken zu Boden warfen und sich vor den glosenden Augen, die
sie aus den Fensterhöhlen anzublicken schienen, verneigten.
Triumphierend reckte er seine Arme und den Stab in den Himmel
über der Grube empor. Auch Arzedokh war erwacht und blickte
Ishar schweigend an.
Ishar
bot ihm die Hand ."Ich grüße Euch, tapferer
Häuptling", sagte er in der Sprache der Orks, "von
nun an wollen wir gemeinsam Seite an Seite kämpfen".
Arzedokh ergriff seine Hand. Und als die beiden Krieger ihren
Treuebund besiegelten, brachen auch ihre Gefolgsleute in Jubel
aus. Eine neue Armee war aus der Blutschmiede hervorgegangen.
"Bereit, in den Norden zu ziehen", dachte Ishar.
"Bereit, selbst einen Drachen als Verbündeten zu
gewinnen, wie es mein Herr befahl. Bereit, ein Königreich zu
erobern und einen Ring der Macht als Siegespreis im Triumph
heimzuführen!"
(Holger)
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